"Mit der Sprachfähigkeit entwickelt sich nicht nur die Eigentümlichkeit der Stimme und der Sprechweise; sie definiert auch das Kind als ein Wesen, auf das die Umwelt mit veränderter Ausdrucksweise und Aufmerksamkeit reagiert. Andererseits erwartet diese Umwelt nunmehr von ihm, ohne besondere Erklärungen und Gesten verstanden zu werden." E. H. Erikson 1995, Identität und Lebenszyklus
Geburt:
Es wird angenommen, dass das Kind bei der Geburt über
die
universelle Fähigkeit verfügt, wesentlich mehr Phoneme (etwa
70) unterscheiden zu können, als die, die für die eigene
Muttersprache
typisch sind (im Deutschen etwa 40).
Nach der Geburt beginnt eine rege kommunikative Interaktion unter
Einbeziehung
aller Sinne. Eltern verändern intuitiv ihre Zusprache. Sie nutzen
Wachzeiten für Gespräche", zum Spielen, Schmusen und
Umwelterkunden.
Über das "bloße" Hören der Sprache der Mutter
erhält
das Kind grundlegende Informationen über den Aufbau seiner
Muttersprache.
Einhör- und Selektionsphase:
Spracherfahrungssammlung
im Dialog
Regelmäßigkeiten aus den permanent wahrgenommenen
Lautstrukturen der Muttersprache werden herausgefiltert". Laute werden nach Häufigkeit und Ähnlichkeit gespeichert.
Das Kind ist in der Lage, Assoziationen zwischen
melodisch-rhythmischen Strukturen und kommunikativen Sprachfunktionen auf der Basis der Säuglingsgerichteten Sprache" (IDS = Infant-Directed-Speech) zu bilden.
6.-9. Lebensmonat:
Das muttersprachliche Lautinventar ist im Sprachgedächtnis
gespeichert.
Als Folge reagieren Säuglinge auch nur auf die bisher in der
Muttersprache
wahrgenommenen Lautkontraste. Englischsprachig aufgewachsene
Säuglinge
können z.B. das im Deutschen, aber nicht im Englischen
vorkommende
lange ü" vom in beiden Sprachen vorkommenden langen u"
nicht
unterscheiden.
Sie wissen" nun auch, dass unterschiedliche
Tonhöhenverlaufsfomen
in der mütterlichen Sprache (z.B. schimpfendes,
bestätigendes,
bittendes Sprechen) eine unterschiedliche Bedeutung haben.
Einheitenbildung im Wahrnehmen und
Erkennen
Das Kind weiß zunächst noch nichts von den
Gegenständen
seiner Umgebung. Es muss diese als Erkenntniseinheiten" in
seinem
Gedächtnis speichern, damit sich später Wörter darauf
beziehen
können. Man nennt dies den Aufbau der Objektkonstanz. Als Folge
werden
z.B. Spielgegenstände als dieselben im unmittelbaren
Wahrnehmungsraum
wiedererkannt. Aber es gibt noch kein raum- und zeitunabhängiges
Existenzbewusstsein
von diesen Gegenständen.
Aus der wahrgenommen Sprache werden betonte und/oder am Ende
stehende
Äußerungseinheiten (Wortteile, Wörter und
Wortverbindungen)
herausgehört" und oft nachgeahmt. Diese sind auch häufig
diejenigen
Einheiten, die den Mitteilungsschwerpunkt tragen.
Ab 11.-13. Lebensmonat:
Erste Wörter erscheinen. Das Kind beginnt, eine Beziehung
zwischen
den Wörtern und der Gegenstandswelt aufzubauen.
In der Mitte des 2. Lebensjahres sind sog.
Übergeneralisierungen
(Bedeutungsüberdehnungen) zu beobachten (Ado" steht z.B.
für
Autos, Rasenmäher, lose Räder, Ente mit Rädern,
Computertisch
mit Rädern). Aktionswörter stehen für verschiedene
Effekte
(alle alle" wird z.B. gebraucht, wenn eine Tasse leer getrunken
wurde,
ein Gegenstand gesucht wird oder das Kind feststellt, dass sich ein
Spielzeugrad
nicht mehr dreht).
18. - 20. Lebensmonat: Der Objektbegriff ist
vorhanden
Die Gegenstandswelt wird als unabhängig vom Selbst und dem
Wahrnehmungsraum
erkannt.
Es erscheinen erste bedeutungsstabile Wort-Objekt-Zuordnungen, die
späteren Substantive; aus Aktionswörtern entstehen erste
Verben;
das Kind beginnt, in elementaren Formen auf räumlich-zeitlich
nicht
Präsentes zu verweisen; erste Ich-Verweise" mit Eigennamen
erscheinen.
Das Kind initiiert auch nun verstärkt Dialoge und analysiert
aufmerksam
die im Dialog gehörte Elternsprache.
Grammatische Strukturbildung, lautliche Präzisierungen und Bedeutungsaufbau im Hauptanwendungsfeld der Sprache: dem Dialog
Mütter stimmen den Inhalt ihrer Dialogbeiträge sehr fein
auf das momentane Fassungsvermögen ihres Kindes ab, und sie haben
ein Gespür für die nächste Entwicklungsphase. Sie
(natürlich
auch Väter) vermitteln implizit feingefächertes
Elementar-Wissen
über die Welt, über den Aufbau der Muttersprache und
über
die Anwendung der Sprache im Dialog.
20.-24. Lebensmonat:
Ideen, Wünsche und Erlebnisse werden in Sätzen
übermittelt.
Die ersten grammatischen Morpheme (Flexive) und Funktionswörter
erscheinen
als satzbildende Elemente.
Aber: Jemand, der in der Sprechsituation des Kindes nicht dabei
war
oder kein Vorwissen über den Inhalt der kindlichen
Äußerung
hat, kann oft noch nicht das Mitgeteilte verstehen. Die Mutter ist
jedoch
der perfekte Kenner und deshalb ein wichtiger Promotor der kindlichen
Sprachentwicklung.
Ab 28.-30. Lebensmonat:
Die ersten grammatischen Kategorien (Subjekt, Prädikat) sind
entwickelt.
Die ersten Kasusflexive erscheinen (Besitzer-Markierung: Anne's
Buch").
Die Dialoge werden umfangreicher, die Themen
vielfältiger.
Die Mutter greift kindliche Kommunikationsinitiativen auf,
reagiert
überwiegend bestätigend und geht sparsam mit expliziten
Korrekturen
um. In der kindlichen Sprache sind noch interessante Assoziationen zu
lautlich
ähnlichen Wörtern zu beobachten.
36.-40. Lebensmonat:
Das Kind hat die elementaren Grundstrukturen seiner Muttersprache
erworben.
Es spricht und versteht die Sprache im Rahmen seiner näheren
Erfahrungswelt.
Schwierige Lautbildungen in der Wortartikulation werden nun fast
problemlos
bewältigt. In Sätzen geformte Mitteilungen sind weitgehend
verständlich,
auch wenn der Kommunikationspartner kein Vorwissen vom
Mitteilungsinhalt
hat.
Das Wissensbedürfnis des Kindes will im Dialog erfüllt
werden.
Seine Werkzeuge" sind nun die Warum-Fragen.
Die Entwicklung sprachlicher Formen und
Gebrauchsweisen
ist noch nicht abgeschlossen. Obwohl das Kind über einen
grundlegenden
lexikalischen und grammatischen Bestand seiner Muttersprache
verfügt,
muss es noch zahlreiche Mittel erwerben, um in verschiedensten
Anforderungssituationen
seiner Lebenswelt schnell und sicher z.B. Mitteilungen über
Ereignisse
und Erlebnisse zu formulieren. Dazu zählen u.a. lexikalische und
grammatische
Mittel für die Darstellung eines Ereignisses in der Vergangenheit
und Zukunft, für die Wiedergabe einer Beziehung der Ursache, der
Folge,
des Zweckes und des Vergleiches durch den Gebrauch von Neben- und
Passivsätzen.
Der weitere Erwerb dieser Mittel ist jedoch nicht Selbstzweck, sondern
er ergibt sich aus der Notwendigkeit, sich in der Kommunikation
verständlich
auszudrücken.
Da die Sprache grundlegendes Mittel bei der Gestaltung der
sozialen
Beziehungen ist, muss das Kind auch weitere Regeln der
Sprachanwendung
lernen. Dazu gehören u.a. Anredeformen, institutionelle
Gebrauchsweisen,
Äußerungen, die Höflichkeit ausdrücken und
indirekte
sprachliche Handlungen.
Der weitere Sprach-LernProzess erstreckt sich bis in das
Schulalter
hinein.
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frühe
Sprachentwicklung des Kindes"
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Autor: Bernd Reimann © 1998-2010
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