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"Das Kind schafft, indem es entlehnt...die Entlehnung ist aber keine genaue Kopie; jede Nachahmung bedarf einer Auslese und somit eines schöpferischen Abweichens vom Modell. Einzelne Bestandteile dieses Modells werden ausgeschaltet, andere umgewertet. Somit kann ein kindliches Sprachlautsystem, trotz seiner Abhängigkeit von dem der Erwachsenen, Elemente enthalten, die dem Muster ganz fremd bleiben."
Die Entwicklung der Lautstrukturen gehört zu den Bereichen in
der kindlichen Sprache, in denen man Veränderungen in kurzen
Zeitabschnitten
am deutlichsten beobachten (hören) kann. Als den eigentlichen
Beginn
wortbezogener Lautbildung kann man die Zeit um das vollendete erste
Lebensjahr
ansehen. Es ist die Zeit, in der das Kind erste und grundlegende
Erfahrungen
über seine Objektwelt gesammelt hat, u.a. in der Form, dass
sich
hörbare und eigene Lautproduktionen auf etwas beziehen: auf einen
Gegenstand, den man haben will, auf eine Person, die erscheint, auf
einen
Vorgang, der die Aufmerksamkeit gerade fesselt oder auf einen eigenen
Zustand.
Das Besondere dieser Zeit des Einstiegs in die sprachliche Abbildung
der
Welt in Form artikulierter Lautverbindungen ist, dass eine
Minimalkombination
aus Lauten (z.B. "da") oder manchmal nur ein einziger Laut (z.B. ein
kurzes
"a") vom Kind verwendet wird, um auf alles in Form eines Verweisens
Bezug
zu nehmen.
Am Anfang steht sozusagen ein Laut für alle zum kindlichen
Erfahrungskreis
gehörenden Objekte, am Endpunkt der Entwicklung der Lautstruktur
der
Muttersprache steht die Fähigkeit, eine z.T. sehr umfangreiche
Lautkombination
für einen (begrifflichen) Bezug auf genau ein Objekt verwenden zu
können (siehe Abbildungen 1 und 2). In der Zwischenzeit sind im
Prozess
der Entwicklung der Lautstruktur der Wörter zwei Erscheinungen
typisch:
Sprachen unterscheiden sich auf der phonetisch-phonologischen Ebene vor allem darin, welche Lautunterschiede als distinktiv anzusehen sind, d.h. welche Lautmerkmale für eine Bedeutungsunterscheidung von Morphemen relevant sind. Auf der Ebene des Sprachverstehens ist das Kind viel früher in der Lage, relevante Lautunterschiede zur Bedeutungsdifferenzierung von Wörtern zu erkennen als es sie artikulatorisch realisieren kann. Bei Verwendung von Bildmaterial oder Gegenständen könnte es beispielsweise die Wörter Bein und Wein vom Hören her differenzieren. Auf der produktiven Ebene ist jedoch das hier relevante distinktive Morphemunterscheidungsmerkmal bilabiale (Unter- und Oberlippe betreffende) versus labiodentale (Lippen und Zähne betreffende) Bildung der Laute /b/ und /w/ erst später als eine artikulatorische Fähigkeit verfügbar. Eine relativ späte Entwicklung ist die korrekte Bildung des "sch" in bestimmten koartikulatorischen Abläufen, z.B. in den Wörtern "Schmetterling" und "Schneemann". In den Abbildungen 3 und 4 ist das Wort "Schmetterling" bei einem Kind zu zwei Entwicklungszeitpunkten frequenzalanalytisch in Form eines Sonagrammes dargestellt. Im Alter von 2;5 ersetzt das Kind das "sch" durch einen "s"-Laut, im Alter von 3;2 Jahren bildet es diesen im wesentlichen korrekt.
Abbildung 3: Sonagramm und 3-D-Spektrogramm des Wortes "Schmetterling" bei einem Kind im Alter von 2;5 Jahren mit einer annähernden Zuordnung der Laute zu den Spektralbereichen im Sonagramm. Das digitalisierte Sprachsignal wird einer Signalanalyse unterzogen, die eine gehörentsprechende Frequenzskalierung vornimmt (sog. Fourier-Transformation). Dies ist besonders wichtig, da das Gehör in niederen Frequenzbereichen relativ gut in der Lage ist, zwischen ähnlichen Frequenzen zu unterscheiden. Im Sonagramm zeigt die Längsachse das Frequenzspektrum: je heller (gelbähnlicher) das Spektrum ist, desto stärker ist der Pegel der Frequenz. Die Querachse zeigt den zeitlichen Verlauf der Wortproduktion (in Millisekunden, ms): die Aussprache dauert etwa eine Sekunde.
Abbildung 4: Sonagramm und 3-D-Spektrogramm des Wortes "Schmetterling" bei dem gleichen Kind 9 Monate später im Alter von 3;2 Jahren mit einer annähernden Zuordnung der Laute zu den Spektralbereichen im Sonagramm. Es zeigt sich im Vergleich zum ersten Entwicklungszeitpunkt, dass der "sch"-Laut gut im hochfrequenten Teil des Spektrums, besonders zwischen 5000 und 8000 Hz, vertreten ist. Wenn im Browser Javascript aktiviert ist, können hier die in den Abbildungen dargestellten Wörter abgespielt werden. Zum Anfang dieser Seite
Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebotes "Die frühe Sprachentwicklung des Kindes" http://www.mutterspracherwerb.de Autor: Bernd Reimann © 1998-2012 |
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