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"In Historien und Behaltung geschehener Dinge sollen sie auch geübet werden, sobald sich ihnen die Zunge anfängt aufzutun, und zwar mit kleinen kindischen Fragen: Wer hat dir das gegeben? Wo warst du gestern, vorgestern?..." J. A. Komensky um 1630, Informatorium der Mutterschul

Der Terminus "Implizite mütterliche Sprachdidaktik" bezieht
sich
auf dialogbezogene Verhaltensweisen von Müttern in der
kommunikativen Interaktion
mit ihren Kindern in der Hauptphase des frühen
Mutterspracherwerbs (1;0-3;6), insbesondere deren Techniken des
Sprachgebrauchs zur Vermittlung von Welt- und Sprachwissen.
Für die Kennzeichnung frühester mütterlicher
kommunikativer
Verhaltensweisen bei ihren Säuglingen wird in der Literatur der
Begriff
"Feinabstimmung" (fine tuning) verwendet.
Für die Technik des Sprachgebrauchs ist von BRUNER ein
Vergleich
mit einem Baugerüst vorgenommen worden.
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Der Grundgedanke der "Gerüstbau-Theorie"
(Scaffolding-Activities): Ein Gerüst (in Analogie zu einem Baugerüst bei einem Hausbau) wird als ein vorübergehendes Mittel genutzt, um während der Zeit des Bauens den Fortlauf des Aufbaus zu sichern. |
Der Sprachgebende (zu etwa 95% sind die primären
Bezugspersonen
Mütter) hilft aus der Kenntnis
des aktuellen Erlebnis- und Erfahrungsumfeldes
des momentanen Standes der perzeptiv-kognitiven Entwicklung und
der aktuellen lautsprachlich-kommunikativen Fähigkeiten
heraus, das große "Bauwerk", eine umfangreiche kommunikative
Ausdrucks- und Formulierungsfähigkeit oder umfassender, die
sprachlich-kommunikative Kompetenz zu entwickeln. Dies geschieht, indem
Verstehen signalisiert wird, auch wenn die kindliche
Äußerung lautlich, grammatisch und semantisch unvollkommen strukturiert ist
unvollständige Äußerungen zu vollständigen
reformuliert und dabei oft in ihren semantischen Bezügen erweitert werden
"gezeigt" wird, was man mit sprachlichen Mitteln alles meinen und
mitteilen kann und wie man das tun muss, um von anderen verstanden zu
werden.
Die sprachlernunterstützende Methodik ist auf allen
Sprachstruktur-Ebenen zu beobachten. In der nachfolgenden Tabelle erfolgt eine
verkürzte Darstellung der Vermittlung von Sprach- und Weltwissen im Dialog.
| Alter |
initiative kindliche Äußerung |
reaktive Äußerung der
Mutter |
| 1;0 |
da! |
da is ein Schmetterling 1 |
| 1;6 |
Due! |
ja, viele Kühe 2 |
| 2;0
|
da Edern ab (Federn)
|
ja, da sind dem Hahn seine Federn ab, weil er nicht aufgepasst hat
3 |
| 2;1 |
das put |
das is kaputtgegangen gestern, ja 4 |
| 2;3 |
ich bin auf'n Pferdchen gereit |
geritten, reiten, geritten 5 |
| 2;5 |
das put-de-dang |
ja das passiert manchmal 6 |
| 2;8 |
ich hab' mal an den Daumen weh-e-tan |
du hast dir an den Daumen mal weh getan 7 |
| 3;1
|
wo is außerhalb von Belin?
|
he weißt du da wo's nich, wo wo, wo die Stadt aufhört,
da
sind plötzlich keine Häuser mehr, dann beginnt die
Landschaft,
da kommen kleine Dörfer 8 |
| 3;3 |
ich, ich reite nach Amerika |
du reitest über's Meer 9 |
1= Identifikation neuer Objekte durch Einführung
einer neuen Benennung (lexikalisches Grundwissen)
2= Bestätigung der kindlichen (Mengen-)Identifikation,
Vormodellierung der Plural-Markierung mit einem
indefiniten Zahladjektiv, implizite phonetische
Korrekturkomponente
3= Bestätigung der kindlichen Ereignisinterpretation,
Vermittlung von Beziehungswissen (Ursachenangabe),
implizite phonetische Korrekturkomponente
4= Bestätigung der Zustandsinterpretation, Vermittlung
von Wissen über die zeitliche Einordnung des
Ereignisses mit einem Temporaladverb, implizite
phonetische Korrekturkomponente
5= implizite grammatische Korrektur (Wissen über die
Verbveränderung bei einem Vergangenheitsbezug)
6= Bestätigung der Zustandsinterpretation, Vermittlung
eines übergeordneten Ereignisbegriffes (passieren)
mit einer zeitlichen Einordnung durch ein
Temporaladverb (manchmal)
7= Bestätigung der Ereignismitteilung mit Vermittlung
des sprachlichen Reflexivbezuges auf sich selbst
8= Erklärung der Bedeutung eines Lokaladverbs,
Vermittlung von Umgebungswissen
9= Bestätigung der (Spiel-)Handlung mit Vermittlung
von "geographischem Grundwissen" (implizite)
Infragestellung der wirklichen Ausführbarkeit der
Handlung)
"Didaktische Prinzipien" der frühen
impliziten
mütterlichen Sprachförderung
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Betrachte dein Gegenüber als kompetenten
Handlungspartner
mit Intentionen und einem beträchtlichen Vermögen, dich zu
verstehen.
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Biete neues Wissen bereichsspezifisch akzentuiert an und richte
dich
nach Aufmerksamkeitsbekundungen des Kindes.
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Achte auf "offene Fenster": Biete neues Wissen besonders dann an,
wenn
das Kind Empfangsbereitschaft signalisiert oder eine
Wissensvermittlung
direkt "provoziert" (z.B. wenn es Objektbezeichnungen in initiativen
Äußerungen
übergeneralisierend verwendet).
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Greife initiative Sprache des Kindes auf, ahme sie aber nicht nur
kopierend
nach, sondern modelliere sie normgerecht und füge angemessene
thematische
Erweiterungen und/oder inhaltliche Akzentuierungen hinzu.
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Gestalte deine sprachlichen Rückmeldungsäußerungen
auf nicht elizitierende Äußerungen des Kindes in Form einer
Äußerung mit der kommunikativen Funktion einer
Bestätigung,
Mitteilung oder bestätigenden Rückfrage.
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Korrigiere in expliziter Form lautliche, grammatische und
lexikalische
"Fehlbildungen" erst dann, wenn das Kind sich dieser bewusst
werden
kann.
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Fördere bei passender Gelegenheit "narrative" Kompetenz:
Verweist
das Kind mit einer Äußerung auf eine vergangene Handlung,
ein
vergangenes Ereignis, ein früher gesehenes Objekt oder erinnert
es
sich an Erlebnisse mit anderen Personen, greife diese Erinnerung auf
und
gestalte den verbalen Kontext mit Zeit- und Raumbezugsmitteln. |
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Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebotes "Die
frühe
Sprachentwicklung des Kindes"
http://www.mutterspracherwerb.de
Autor: Bernd Reimann © 1998-2010
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